Ein Dram, der die Nation erfand

Whisky beginnt selten mit Gewissheit. Meist beginnt er mit Zufall, mit einer Geschichte, vielleicht genauer gesagt mit einem Mythos am Rande des Alltäglichen.


Wendepunkt in der Whiskygeschichte

In Neil M. Gunn’s berühmter Erzählung Whisky and Scotland ist es kein Destillateur, kein Mönch und kein König, der den Anfang macht. Es ist ein erschöpfter Mann, gezeichnet von Arbeit und Hunger, der zufällig von einer klaren Flüssigkeit trinkt, entstanden im unscheinbaren Prozess des Brotbackens. „[…] Und dann – der Kopf hebt sich. Der Schleier weicht von den Augen; sie glänzen. Er lacht plötzlich auf und springt auf die Füße […]. Er beginnt zu tanzen mit dem, was man als ursprüngliche Hingabe bezeichnet. Offensichtlich war es kein Wasser, das er getrunken hatte: es war Leben.“ Mit diesem ersten Schluck Uisge Beatha – gälisch für „Wasser des Lebens“ – beginnt eine Geschichte, die sich nie ganz von Imagination, Zufall und Erzählung lösen lässt.

Solche Ursprungsmythen begleiten Whisky seit Jahrhunderten. Ob es die Legende ist, die seine Erfindung dem heiligen Patrick zuschreibt, oder die Vorstellung, dass keltisch-christliche Mönche das Wissen um das aqua vitae auf ihren Missionswegen über Europa trugen – Whisky lässt sich historisch kaum denken, ohne zugleich mythisch erzählt zu werden. Und vielleicht liegt genau darin sein kulturelles Geheimnis. Denn auch die Geschichte Schottlands selbst ist eine Geschichte, die sich nie allein aus Fakten speist, sondern aus Erinnerung, Imagination und bewusster Setzung.

Ein solcher Moment bewusster Setzung lässt sich im Sommer 1822 beobachten. Als King George IV. schottischen Boden betritt, ist er der erste regierende Monarch seit den Jakobitenaufständen (1), der das Land besucht. Kaum eine Generation ist seit Culloden vergangen, in einem Land, dessen politische Wunden noch offen liegen. Der Besuch ist kein Zufall, sondern eine Inszenierung. Regie führt Sir Walter Scott, Schriftsteller, Romantiker, Architekt eines kulturellen Schottlands, das sich nun sichtbar, tragbar und zeigbar machen soll: Tartan, Highland Dress, Rituale und Whisky.


Bild: The Entry of George IV into Edinburgh from the Calton Hill – Das zeitgenössische Gemälde von John Wilson Ewbank (ca. 1799–1847) zeigt die Ankunft von König George IV in Edinburgh im Jahr 1822.


Was sich an jenen Augusttagen entfaltet, gleicht weniger einem höfischen Besuch als einem nationalen Schauspiel. Edinburgh verwandelt sich in eine Bühne: Tribünen säumen die Straßen, Prozessionen ziehen durch die Royal Mile, Fenster und Dächer füllen sich mit Zuschauern. Flugblätter, Kupferstiche und Zeitungsberichte verbreiten die Bilder des Ereignisses weit über die Stadt hinaus – in einer Zeit, in der sich durch verbesserte Drucktechnik und wachsende Alphabetisierung erstmals eine breitere mediale Öffentlichkeit formiert. Was hier geschieht, wirdnicht nur erlebt, sondern gelesen, weitergetragen und erinnert.


Bild: Sir Walter Scott (1771–1832), Novelist and Poet – Schottischer Schriftsteller, Poet und Regisseur des Staatsaktes von 1822: Sir Walter Scott



Bild: Newsmongers – Das Gemälde von David Wilkie (1785–1841) entstand 1821. Eine Szene aus dem schottischen Alltagsleben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Immer mehr Menschen können lesen, neue Drucktechniken lassen Zeitungen in höheren Auflagen erscheinen, die Exemplare werden erschwinglich, Neuigkeiten und Sensationen verbreiten sich so schnell wie nie zuvor.


Tartan als Machtbild

Das wohl wirkungsvollste Bild dieser nationalen Selbstinszenierung ist in einem Gemälde des zeitgenössischen Künstlers Sir David Wilkie überliefert. George IV. erscheint öffentlich im Highland Dress, in Tartan, mit Kilt und Sporran (2), und zwar im Royal Stuart Tartan, dem dynastischen Muster jenes Hauses, in dessen Namen die Jakobitenaufstände einst geführt worden waren. In kräftigem Rot, tiefem Grün und Blau, durchzogen von schmalen gelben und schwarzen Linien, erzeugt dieses Muster eine visuelle Signatur, die sich unausweichlich ins kollektive Gedächtnis einschreibt.

Wilkie zeigt den Monarchen frontal und zentral, beinahe monumental, nicht als privaten Träger eines Kostüms, sondern als Verkörperung eines neuen politischen Bildes von Schottland. Das Licht fällt nicht zufällig: Es modelliert die Figur aus dem Hintergrund heraus, hebt Stoff, Kontur und Körperhaltung hervor und lenkt den Blick des Betrachters auf die Textur des Tartans ebenso wie auf die Haltung des Körpers. Der Oberkörper ist aufgerichtet, der Stand stabil, der Blick leicht zum Licht gewendet – eine Pose, die weniger Intimität als Souveränität ausstrahlt. Der König erscheint nicht eingebettet in eine Landschaft oder Szene, sondern gleichsam aus dem Raum herausgelöst, als Bildfigur, die Orientierung, Ordnung und Sichtbarkeit verspricht. In dieser Lichtregie verbindet sich ästhetische Erhöhung mit politischer Aussage: Das, was einst randständig, regional und konflikthaft war, wird hier buchstäblich ins Licht gerückt und zur neuen Norm erhoben. Kleidung wird hier zur Aussage, Pose zur Programmatik. Der König eignet sich jene Symbolik an, die noch wenige Jahrzehnte zuvor als gefährlich, rebellisch und kontrollbedürftig galt, und verleiht ihnen höfische Legitimität.


Bild: George IV (1762-1830) – Der König im Highland Dress, wie er bei seinem Besuch in Schottland im Jahr 1822 auftrat. Er trug den Royal-Stewart-Tartan und dazu die grüne Schärpe des Order of the Thistle, des höchsten schottischen Ritterordens.


Für viele Menschen damals muss dieser Moment gleichermaßen spektakulär wie irritierend gewesen sein und wie eine kulturelle Umkehr gewirkt haben. Während Schottlands Städte sich rasant industrialisierten, Dampfkraft, Handel und Urbanisierung den Alltag verändern, wird hier eine idealisierte Vergangenheit aufgerufen, ein sichtbares, tragbares Bild von „Scott-Land“, das Ordnung in die Beschleunigung der Moderne bringt. Scott beherrscht diese Bildpolitik meisterhaft. Er verwandelt Geschichte in Erzählung, Kleidung in Symbol, Ritual in Identität und hebt zugleich Alltagspraktiken wie das Trinken des Drams aus dem Privaten ins Öffentliche, aus dem Lokalen ins Nationale.

Ein Dram für den König

In der sorgfältig choreographierten Dramaturgie dieses Staatsbesuchs tritt der Dram aus dem Alltag heraus und auf die Bühne der Nation. Dem König wird der Quaich (3) gereicht, eine flache, zweihenklige Schale, oft aus Silber oder Holz gefertigt, deren kreisrunde Form für Nähe, Gleichrangigkeit und Vertrauen steht. Mit der Annahme und dem Trinken aus dem Quaich vollzieht sich eine symbolische Geste von großer politischer Dichte, denn der Monarch akzeptiert nicht nur ein Getränk, sondern ein kulturelles Angebot und eine Form von Zugehörigkeit.

Der Akt des Servierens wirkt hier performativ und erhebt Whisky über den Status eines bloßen Getränks hinaus. In dieser Geste vollzieht sich seine symbolische Geburtsstunde. Er wird lesbar als Zeichen der Versöhnung mit einer konfliktreichen Vergangenheit, als Ausdruck kultureller Eigenständigkeit innerhalb der Union, als destillierte Idee Schottlands selbst, als flüssiger Träger jener Identität, die sich erst im Ritual formt. Was zuvor lokales Produkt, Rebellionsgetränk oder gar illegale Ware war, beginnt hier, als nationales Kulturgut zu zirkulieren.

Whisky wird zu einem kulturellen Text (4): erzählbar, erinnerbar, aufladbar mit Bedeutung. Wie die Ursprungsmythen, die ihn begleiten, braucht auch diese neue Rolle ihre Bilder, Rituale und Geschichten. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass sich ausgerechnet hier Mythos und Macht, Dram und Nation begegnen: Denn kulturelle Identitäten entstehen selten von selbst. Sie werden geformt, verdichtet und manchmal erfunden.

Der Staatsbesuch von 1822 markiert einen solchen Augenblick. Einen Moment, in dem Whisky und Quaich beginnen, das zu werden, was sie bis heute sind: keine Relikte der Vergangenheit, sondern lebendige Symbole eines Landes, das gelernt hat, sich selbst zu erzählen, im Tartan ebenso wie im Dram.


Fußnoten

1) Die Jakobitenaufstände bezeichneten eine Reihe von Erhebungen im 18. Jahrhundert, die darauf abzielten, die vertriebene Stuart-Dynastie wieder auf den britischen Thron zu bringen. Besonders in den schottischen Highlands fanden die Jakobiten breite Unterstützung. Nach der Niederlage bei Culloden 1746 folgten harte staatliche Repressionen: Clanstrukturen wurden geschwächt, das Tragen von Tartan zeitweise verboten, Waffenbesitz eingeschränkt und gälische Kultur marginalisiert. Die Erinnerung an diese Konflikte prägt das politische und kulturelle Selbstverständnis Schottlands bis in die Gegenwart.

2) Siehe auch Artikel Von der Mode zum Symbol in Ausgabe #27 (2015), Von der Decke zum Rock in Ausgabe #28 (2015) und Messer & Beutel in Ausgabe #29 (2015).

3) Siehe auch Artikel Kleiner Kelch ganz groß in Ausgabe #22 (2014).

4) Ein kultureller Text ist ein Text, der Werte, Normen, Vorstellungen, Traditionen oder Weltbilder einer bestimmten Kultur vermittelt oder widerspiegelt. Dabei meint „Text“ nicht nur Geschriebenes, sondern ganz allgemein Bedeutungsträger. Filme, Werbung, Lieder, Feste, Kleidung und Architektur sind einige Beispiele dafür. Ein kultureller Text zeigt, wie eine Gesellschaft denkt, fühlt oder lebt.



Über die Autorin

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Lisa alias „Queen of Malts“ (@queenofmalts) stammt gebürtig aus Landshut. Nach ihrem Masterabschluss in Britischer und Irischer Literatur- und Kulturwissenschaft lehrte sie dreieinhalb Jahre als Dozentin für Anglistik an der Universität Regensburg mit dem Schwerpunkt schottische Literatur und Kultur. Aktuell promoviert sie nebenberuflich an den Universitäten Regensburg und Glasgow über die Repräsentation von „Scottishness“ in der Geschichte des Whiskys. Ihre akademische Expertise ergänzt sie durch langjährige Praxiserfahrung im Spirituosen-Einzelhandel sowie als Referentin bei Tastings. Auf Reisen nach Schottland vertiefte sie ihr Wissen. Heute lebt sie in Hamburg, wo sie ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hat und im Einkauf LTC (Liquor, Tobacco, Confectionery) für Gebr. Heinemann tätig ist.