Irish Whiskey in der Krise? Nein! (Teil 3)

Der irische Whiskey erlebte turbulente Monate. Monate, geprägt durch negative Berichterstattungen über Absatzflauten, Produktionsstopps und Insolvenzen. Zeit für einen genaueren Blick auf die Grüne Insel. In unserer dreiteiligen Reihe differenzieren wir zwischen den verschiedenen Herstellern und beleuchten ihre jeweilige Situation. Daraus ergibt sich ein diverses Bild einer Industrie zwischen Krise und Chance.

Teil 1: Irish Whiskey = Irish Distillers
Teil 2: Great Northern Distillery: Land in Sicht
Teil 3: Gezeiten des Revivals

Teil 3: Gezeiten des Revivals

Während in den letzten Dekaden große Dampfer wie die Irish Distillers (siehe Teil 1) oder die Great Northern Distillery (siehe Teil 2) mit voller Fahrt die See durchpflügten, segelten zwischen ihnen eine Vielzahl kleinerer Boote mit. Mal mit, mal gegen den Strom, behaupteten sie sich gegen die Bugwellen der großen Pötte und suchten ihre perfekte Strömung. Mit einer zunehmenden Nachfrage nach Irlands goldenen Tropfen gewann das Irish Whiskey Revival in den frühen 2010er-Jahren Schwung: Mehr und mehr kleine und mittelgroße Brennereien drängten auf den Markt. Von einstmals drei wuchs ihre Zahl auf heute über 50.

Doch nach Flut kommt Ebbe. Besonders die kleinen Segler hatten mit dem Sog der sich wandelnden Gezeiten zu kämpfen. Dabei zeigte sich, welche Kapitäne fähig waren, rechtzeitig sichere Gewässer anzusteuern.

Wachstumsschmerzen

Die irische Whiskeyindustrie in Gänze ist, trotz ihrer langen Historie, eine vergleichsweise junge Branche. Auf dem Rücken einer boomenden Nachfrage und einer hohen Preisbereitschaft seitens der Abnehmer kamen mehr und mehr Anbieter auf den Markt. Vor allem neue Brennereien. Doch Whiskey braucht Zeit und Zeit ist Geld. Deshalb setzten viele zur finanziellen Überbrückung der Wartezeit auf Abfüllungen gebrannt in einer der zwei Auftragsbrennereien – Great Northern Distillery und West Cork Distillers. Mit der Zeit entstand so eine unübersichtliche Masse an Marken, die alle eines gemeinsam hatten: Die noch junge Brennerei auf ihrem Label war nicht der eigentliche Hersteller. Zudem waren sich diese Produkte aufgrund gleicher Herkunft oftmals sehr ähnlich.

Irlands neue Vielfalt

In den letzten fünf Jahren konnten mehr und mehr Brennereien ihre ersten Abfüllungen aus eigener Produktion vermelden. Doch naturgemäß waren und sind diese Whiskeys noch jugendhaft und nicht in großen Mengen vorhanden. Dennoch wächst hier nach und nach eine neue Vielfalt aus stilistischen Varianten und gänzlich neuen Stilen.

Den eingängigen Blends der großen Marken stehen heute komplexe Blends in kleinen Batches gegenüber. Die Kategorie des irischen Pot Still Whiskeys erwartet gar eine Neufassung ihrer rechtlichen Definition. Angeführt von kleinen Brennereien tragen hierzu die Wiederentdeckung historischer Rezepturen und Experimente mit verschiedenen Getreidearten bei. Dazu führt die Innovationslust der Destillen zu einem wachsenden Bestand an neuen Fassarten. Längst sind es nicht mehr nur Sherry- und Portfässer, die zur Veredelung von Malts und Pot Still Whiskeys dienen. Und dass die legale Definition von Irish Whiskey dazu einlädt, mit verschiedenen Holzarten abseits der Eiche zu experimentieren, ist ein noch relativ unbearbeitetes Feld der Zukunft.

Expansion um jeden Preis

Die Herausforderung für die Anbieter bestand über die Jahre darin, ihre Produkte – zugekauft oder selbst destilliert – nicht einmalig auf wenigen Verkaufsregalen zu platzieren, sondern fortlaufenden Umsatz zu generieren. Ladenhüter oder Nischenprodukte mit zu kleinem Markt bieten keine nachhaltige Perspektive. Deshalb setzten viele auf schnelle Expansion ins Ausland und naturgemäß legten sie ihren Fokus dabei oftmals auf den wichtigsten Markt für irischen Whiskey, die USA (siehe Teil 1). Aber auch Kontinentaleuropa, vor allem Deutschland, Frankreich und Osteuropa, spielte eine große Rolle. Doch was im Kleinen vor der eigenen Haustür gut funktioniert, setzt sich nicht ohne Weiteres auf fremdem Terrain durch. Denn jeder Markt hat seine eigenen Regeln. Eine Expansion, deren Erfolg langfristig erhalten bleiben soll, erfordert außerdem ständige Investitionen.

Krisenzeiten

Die erste Marktkrise nach jahrzehntelangem Wachstum der Branche traf die jungen kleinen und mittelgroßen Hersteller heftig. Zu kurz war der Zeitraum zwischen euphorischem Betriebsstart und dem Absatzeinbruch in den Vereinigten Staaten. Manchen gelang es nicht rechtzeitig, ein im Zielmarkt funktionierendes Portfolio aufzubauen.

Zwei Beispiele sollen veranschaulichen, dass nicht allein das stete Auf und Ab des Marktes Wohl und Wehe einer Whiskybrennerei bestimmt, sondern auch ein durchdachtes Marktkonzept und eine solide geplante Finanzierung. Während sich bei der Waterford Distillery, einstmals Aushängeschild der aufstrebenden Brennereien Irlands, die Tore bereits für immer schlossen, ging die Copeland Distillery im Krisenjahr 2025 mit ihren ersten Produkten mutig nach vorne.

Waterford Distillery: Vom Aushängeschild zum Problemfall

Kaum eine Brennerei aus Irland sorgte in den vergangenen Jahren für derart viele Schlagzeilen in der Whiskeywelt wie die Waterford Distillery. Gegründet von Scotch-Ikone Mark Reynier, ging sie mit nicht weniger als dem Anspruch an den Start, das Verständnis von Single Malt Whisky zu revolutionieren. Dazu setzte Reynier auf das im Weinanbau etablierte Terroirprinzip. Durch strenge Trennung des Getreides nach Anbaufeld sollten sich durch die Region bedingte Geschmacksnoten bis in das fertige Produkt auswirken. Hierfür entstanden wissenschaftlich betreute Analyseverfahren und Betriebsabläufe, die Whiskys schufen, deren Lebenslauf Grain-to-Glass lückenlos nachvollzogen werden konnte.

Reynier tourte nach einem durch COVID verspäteten Launch der Waterford-Marke mit den auffälligen blauen Flaschen durch die Lande und verkündete seine Botschaft. Die ersten Abfüllungen der verschiedenen Single Farm Origins teilten die Gefolgschaft schnell in zwei Lager: Fans und Skeptiker. Mit jeder neuen Abfüllung wich selbst bei den Fans die anfängliche Euphorie einem wachsenden Sättigungsgefühl. Das Core Release, The Cuvee, welches dem Einstieg ins Portfolio dienen und von Fans immer wieder nachgekauft werden sollte, geriet zudem nicht zum erwarteten Verkaufsschlager.

Das Ende

Trotz ambitionierter Pläne schaffte es die Waterford Distillery somit nicht aus der selbst geschaffenen Nische heraus. Jene Nische erreichte zudem nie die nötige Dimension, um die operativen Kosten aufzufangen. Kosten, die aufgrund der besonderen Arbeitsweise der Brennerei ohnehin höher waren als bei Destillerien vergleichbarer Größe. Hinzu kamen marktbedingte Kostensteigerungen quer durch die Lieferkette sowie höhere Energiepreise. Gleichzeitig hatte man zu Beginn darauf verzichtet, die Lasten der ersten Produktionsjahre durch Produkte aus zugekauften Whiskeys abzufedern.

Deshalb war es weniger der allgemeine Markteinbruch, der Reynier und sein Projekt letztlich in die Knie zwang. Vielmehr war die erhoffte Revolution ausgeblieben und mit ihr das benötigte Geld. So zogen die Investoren letztlich spät in 2024 die Reißleine. Binnen der nächsten Monate kämpfte Reynier um die Zukunft seines Herzensprojekts. Vergeblich. Neue Investoren, um der Malt-Revolution neues Leben einzuhauchen, fand Reynier nicht. Schließlich stand die Brennerei im Herbst 2025 samt Fassbestand zum Verkauf.

Copeland Distillery: Mutig nach vorne

Ein gänzlich anderes Bild zeigt sich im Küstenort Donaghadee im Norden Irlands. „Ohne John gäbe es eine Menge irische Marken nicht“, beginnt Gareth Irvine, Gründer der dortigen Copeland Distillery. Der John, von dem er spricht, ist John Teeling, Gründer der Great Northern Distillery. Von dort stammen die Whiskeys, welche die Copeland Distillery seit 2021 unter ihrem Label Merchant’s Quay vertreibt. Erst 2025 ergänzte sie mit ihren ersten Copeland Whiskeys das Angebot um selbstdestillierte Produkte. Daneben gibt es bereits seit 2020 den eigenen Copeland Gin. Zunächst mit Gin und zugekauftem Whiskey zu starten, war für Gareth essentiell: „Die Einführung der Merchant’s-Quay-Produktreihe war grundlegend dafür, dass wir mit einer soliden Basis in die Exportmärkte eintreten konnten. Wir sind gegenüber Verbrauchern und Partnern vollkommen transparent darüber, woher wir beziehen und warum wir sie haben – nämlich um unseren Whiskeynamen aufzubauen, während unser eigener Whiskey reift.“

Einen Whiskeynamen aufbauen. Ein Spiel, bei dem Irvine nicht nur mit offenen Karten spielt, sondern auch bedächtig Zug um Zug vorgeht. „Jeder mit etwas Investment kann eine neue Whiskeymarke starten“, sagt er. Um aber auch erfolgreich zu werden, seien in seinen Augen ein strukturiertes Vorgehen und das Investieren in die richtigen Märkte entscheidend. „Viele kleine Brennereien sind möglichst schnell in möglichst viele Märkte eingetreten. Was teuer ist, vor allem wenn man diese Märkte danach nicht aktiv unterstützt, oder dafür viel Geld leihen muss“, führt er aus.

Marktkrise? Eher hausgemachte Probleme

Die aktuelle Marktbewegung ist eine unternehmerische Herausforderung und trifft manche härter als andere. „Wenn dazu das Portfolio eindimensional ist und man darauf vertraut, dass der Boom weitergeht, hat man derzeit Probleme“, sagt Irvine nüchtern. Bei manchen sieht er gar eine gewisse Naivität. Sie planten nach dem Motto: Produziere und die Kunden werden kaufen. „So funktioniert es aber nicht“, stellt Irvine fest. Natürlich sei der schwache Markt derzeit nicht gut. Die eigentlichen Probleme seien aber vielfach struktureller und hausgemacht.

Die Copeland-Produkte sind in elf internationalen Märkten erhältlich. „Das sind nur die Märkte, die wir aktiv unterstützen können. Wir wollen nicht überall sein“, erklärt Irvine die eigene Strategie. Unterstützen heißt, in diesen Märkten sind er und sein Vertriebsteam aktiv, um Importeure und den Handel zu fördern. Das breite Portfolio aus White Spirits, Rum und Whiskey hilft dabei, unterschiedliche Interessen zu bedienen. Für den Erfolg in den Märkten sieht er neben den vielfältigen Produkten die authentische Copeland-Geschichte als wichtig an: „Wir vermarkten uns, nicht einfach nur ein Produkt.“

Positiver Ausblick

Gareth Irvine ist optimistisch, trotz Gegenwind. „Es war ein schlechtes Jahr in den USA. Wir haben unsere Bestände dort abgezogen und unser Team hat sich auf andere Regionen konzentriert. Wir sind ein kleines Unternehmen, das macht uns flexibel“, erklärt er. Dadurch seien die Absatzzahlen im Vorjahresvergleich trotzdem gewachsen. Gute Märkte für Copeland wären Länder in Europa, Südostasien und die Vereinigten Arabischen Emirate gewesen. Für 2026 hat er neue Märkte im Blick: Indien und Deutschland. Zudem sicherte er neues Investment, um Lagerkapazitäten und den Personalstamm auszubauen. „Wir freuen uns auf ein betriebsames Jahr“, blickt er voraus. „In den nächsten neun bis zwölf Monaten werden wir den weiteren Ausbau der eigenen Brennerei beantragen.“ Die Copeland Distillery entwickelt sich, Zug um Zug. Und die Zukunft sieht gut aus.


Über den Autor

Neil Saad

Neil Saad stammt gebürtig aus dem Ruhrgebiet. Nach über einer Dekade des Reisens, zog er 2021 auf die Grüne Insel. In seiner neuen Heimat im Südwesten von Irland veranstaltet er professionelle Tasting-Events. Daneben ist er freiberuflicher Reise- und Whiskeyautor. Zudem präsentiert er als Co-Host des Podcasts Irish Whiskey News Deutschland monatlich die neuesten irischen Whiskeys und portraitiert Brennereien.